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Sagen & Legenden

 
Der Waasen-Steffel
Nach Adolf Mohl "Hany Istok", aus dem Ungarischen übersetzt von Therese Kietaibl
Irgendwo in der Gegend von Illmitz beginnt die Geschichte vom Waasen-Steffel. Dort, wo vor Zeiten der glitzernde See und der geheimnisvolle Waasen ineinander übergingen in dieses schwankende, endlos scheinende sumpfige Moor, wo sich der schwimmende Rasen um die kleinen Lacken in malerischer Schönheit abwechseln.

Auf dem Illmitzer Hotter, nahe dem Neusiedler See, stand eine kleine bescheidene Fischerhütte wie eine Einsiedelei in der Einsamkeit der Wälder. Trotzdem hat der schimmernde See keinen glücklicheren Menschen gesehen, als den jungen Fischer, der in dieser dürftigen Hütte lebte.
Seine Frau umsorgte ihn, sie war sein größtes Glück. Sie war guter Hoffnung und sah mit freudiger Erwartung der Geburt ihres ersten Kindes entgegen.

Eines Tages kam der junge Fischer frohgestimmt und aufgeregt vom See zurück. "Schau", rief er schon von weitem, "was für einen schönen Fisch mir der Herrgott heute geschenkt hat!" Die Frau lief ihm entgegen und half ihm den Fisch herauszulegen. "Für den bekommen wir in Wien sicher so viel, dass wir einen ganzen Monat davon leben können", sagte der Fischer. Die junge Frau sah sich den schönen Wels an, sie schaute und schaute nur. "Das wird nicht gut ausgehen, wenn du den Fisch so lange betrachtest!", warnte ihre Mutter. "Warum soll das nicht gut sein, Mutter, ein so schönes Tier anzusehen?" "Ja, wenn du dich vergisst und dich in den Wels verschaust, kann das großes Unglück und Leid bringen." Mit diesen Worten zog sie die junge Frau mit sich fort. Aber es war schon zu spät!

Bald danach kam das erste Kind, ein Knabe, zur Welt. War das eine Freude! Es war nur schade, dass diese Freude nicht lange dauerte. Kaum hatten sie den Knaben gebadet und genau betrachtet, schauten sich die Angehörigen entsetzt an und betrachteten ihn immer wieder.
"Ach, was ist das für ein Kind", sagte endlich eine der Herum-stehenden", die Welt hat so etwas noch nicht gesehen!" Der Knabe sah sehr merkwürdig aus. Er hatte einen großen Kopf, kleine Augen, eine platte Nase und einen breiten Mund - wie ein Wels. Seine Ohren, besonders aber seine Finger und Zehen, waren sehr lang und - Gott im Himmel - es sah aus, als ob Schwimmhäute dazwischen wären. Der ganze Körper war mit harten lederartigen Schuppen bedeckt - wie bei einem Fisch. "Herr, verzeihe mir,"sagte der Vater, "ein jeder könnte ihn für einen Wels halten, wenn man nicht wüsste, dass er ein Mensch ist."

"Ich habe es gesagt, ich habe es gesagt", mischte sich die Mutter ein, aber sie sprach mehr zu sich, so dass es kaum jemand hörte. "Aber was", sagte schließlich der Vater ",er ist der Sohn eines Fischers, warum soll er nicht auch einem Fisch ähnlich sehen?"
Und so beruhigten sie sich und fanden sich damit ab, wie es sich für gottesfürchtige Leute gehört. Besonders auch deshalb, weil die nachfolgenden Kinder lebhaft, flink und gesund waren.

Die Eltern wurden aufs Neue bedrückt, als sie bemerkten, wie die Kleinen zu plappern anfingen, der Große aber stumm blieb und nur unartikulierte Laute hervorbrachte. Dabei verstand er es, sich beliebt zu machen. Er kletterte und bewegte sich wie ein Eichhörnchen, schwamm und tauche wie ein Frosch. Beim Essen war er nicht wählerisch, er bevorzugte rohe Kost, besonders gern verspeiste er frisch gefangene Frösche. In geschlossenen Räumen hielt er sich nicht gerne auf. Als er größer geworden war, trieb er sich halbe Tage lang im Waasen herum, in den sumpfigen Teilen des Neusiedler Sees.

Hierher lockten ihn die schwimmenden Raseninseln, die einladenden zusammenhängenden Rasenteppiche. Zur Zeit des Blattfalles war er außer sich vor Freude, wenn er, wie auf einem kleinen Floß, zum See hinausrudern konnte.

Ab und zu sprang er hinunter, umkreiste schwimmend die Raseninsel, hängte sich aufs Neue an, schob oder zog sie bald da hin, bald dort hin, so wie es die Strömung im Wasser gerade erlaubte. Das war seine Hauptbeschäftigung vom zeitigen Frühjahr an bis zum Spätherbst. Er war etwa sieben Jahre alt geworden, als er für diese Unterhaltung auch bezahlen musste.

An einem warmen Frühlingstag bemühte er sich eine größere Raseninsel in Bewegung zu setzen. Durch die große Anstrengung ermüdete er. Er legte sich auf den Boden und unter den wohltuenden warmen Sonnenstrahlen schlief er bald ein. Seine kleinen Geschwister verließen ihn und liefen heim. Als es dunkel geworden war und der kleine Fischjunge sich nicht sehen ließ, ging ihn sein Vater suchen, aber er fand ihn nicht. Darauf hin nahm er seinen Kahn und fuhr damit die benachbarten Gewässer ab, aber nirgends fand sich eine Spur von ihm. Am nächsten Tag durchsuchte er mit seinem Boot den ganzen Waasen, aber er kam wieder nur allein nach Hause. "Mütterchen", sagte er zu seiner weinenden Frau, " es ist so, wie ich befürchtet habe. Unterwegs habe ich viele schwimmende Raseninseln gesehen. Auf einer ist unser Kind eingeschlafen, sie hat sich wahrscheinlich vom Grund gelöst, und der Mittagswind wird sie auf den See hinaus und dann weiter nach Osten hinunter, in die Richtung des Windes getrieben haben. Jetzt streift er wahrscheinlich dort irgendwo im Waasen herum, er wird schon wieder einmal heimkommen." Das sagte er aber nur, um seine Frau zu beruhigen. Die seufzte schwer und meinte: "Ja, wenn ihn nur nicht die Rohrwölfe fressen!"

Aber die hatten ihn nicht gefressen. Der Bub hatte glücklich das Ufer erreicht, wach oder nachtwandlerisch - wer könnte das genau sagen - aber sicher war das eine:

Der kleine Fischjunge versteckte sich, so wie sein Vater vermutet hatte, im Erlenwald, in der Gegend von Kapuvar und Osli, lebte wie ein Wilder im Hansag und war gar nicht bedauernswert.

Der Benedikt, ein Lostag, hatte mit dem Sack die Wärme gebracht. So konnte die Witterung dem kräftigen Buben nichts anhaben. Nur während der Nacht musste er sich um eine Unterkunft kümmern, die er in Baumhöhlen oder verlassenen Fischerhütten auch fand. Seine Kost war nicht eben hervorragend, aber ganz nach seinem Geschmack.

Die Kiebitzeier, die auf dem Wiener Markt als große Delikatesse des Hansag teuer bezahlt wurden, kannte er von zu Hause, sie standen ihm in Hülle und Fülle zur Verfügung.

Fische und Frösche fing er so viele, als er nur wollte. Er verzehrte sie, so wie er es gewohnt war, roh und genoss sie mit großem Appetit. In dieser Zeit konnte er sein Leben ungestört genießen, schwimmend, kriechend oder auf einer schwimmenden Raseninsel schaukelnd.

Es umgab ihn der endlose Erlenwald mit seinen uralten Bäumen, der elfenhafte Hansag mit seinen kleinen Teichen und den tausenden Wasservögeln mit ihrem Gezwitscher und Rumoren.

Wie lange dieses königliche Vergnügen gedauert hatte, Tage, Wochen, Monate oder vielleicht ein ganzes Jahr, kann niemand sagen. Eines ist sicher, am 15. März 1749 legten die beiden Fischer Franz Nagy und Michael Molnar aus Kapuvar im Königssee, im Erlenwald, ihre Netze aus, wie in der amtlich verbürgten Chronik geschrieben steht. Es war ein kühler, feuchter Morgen, deshalb gingen sie nach dem Netzeauslegen in den Wald, um dürres Holz zu suchen und ein Feuer anzufachen. Als sie wieder zurückkamen, hörten sie lautes Geplätscher vom Königssee. "Es muss sich ein großer Fisch gefangen haben", sagte der eine Fischer. "Wenn er sich nur in unserem Netz gefangen hat!", meinte darauf der andere.

Aber so einfach war die Sache nicht.

Das Illmitzer Waldmännchen war zu dieser Zeit auch aus seiner nahegelegenen Baumhöhle hervorgekrochen. Am Teichrand gähnte es mehrere Male und sehnte sich nach einem guten Frühstück. Als es die nahenden Schritte der Fischer hörte - schwups - war es mit einem mächtigen Sprung im Teich und wollte schwimmend die Flucht ergreifen. Diesen Aufschlag im Wasser hatten die Kapuvarer Fischer gehört. Als sie zum Teich kamen, bewegte sich bereits das Netz. Schnell zogen sie es heraus und sie sahen mit Freude, wie eine Masse darin zappelte.

Was konnte das schon anderes sein, als ein königlicher Wels. Er schlug schrecklich im Netz um sich. Aber sie sahen auch, wie die schmutzige Gestalt mit Händen und Füßen versuchte, sich aus dem Netz zu befreien.

Sie glaubten - wer würde es ihnen verübeln - sie hätten einen leibhaftigen Teufel gefangen. Sie schlugen ein mächtiges Kreuz, wie es sich für Christenmenschen gehört. Schon wollten sie den Fisch, das Netz und das Boot im Stich lassen und nach Hause laufen, um Hilfe zu holen. Aber auf die kläglichen Töne des vermeintlichen Teufels hin fassten sie sich ein Herz, zogen das Netz samt seinem Inhalt in das Boot und ruderten mit der Beute eilends auf der kleinen Raab heimwärts. In der Marktgemeinde gab es ein Zusammenlaufen, ein Ansammeln der Leute und ein Kopfschütteln, wie dies das alte Schloss seit hundert Jahren nicht gesehen hatte. Die Fischer gingen, wie es sich gehörte, mit der Beute in das Schloss und berichteten Herrn Rosenstingl, dem Kastellan, was sie erlebt hatten. Der Kastellan war zwar ein kluger Mann, aber er wusste nicht, was er mit dem Ungeheuer, das inzwischen vom Netz befreit worden war, anfangen sollte. Dieses sprach nicht, sondern knurrte nur. Es aß und trank nichts. Es spuckte, biss und verteilte Fußtritte, wenn sich ihm jemand näherte- mit einem Wort- es war ein richtiger Wilder, wenn nicht gar ein Tier.

Man musste schließlich den Pfarrer Georg Szalontay rufen, der dann alles in die richtigen Wege lenkte. Zuerst stellte er einmal fest, dass es tatsächlich ein Mensch war, ein etwa acht bis zehnjähriger Bub, der aber keinen Verstand zu haben schien. Deshalb taufte er ihn am dritten Tag, so wie es die Regeln der Kirche vorschrieben, vor zwei Taufpaten. Herr Rosenstingl hatte Michael Hochsinner und Maria Mesnerin, die Frau des Schlosssakristans, mit der Patenschaft betraut. Der Chronist - man weiß den Grund nicht - vergaß die Eintragung, Stephan war der Taufname des Knaben.

Damit er einen ehrbaren Familiennamen erhalte, nannten ihn die findigen Bewohner von Kapuvar Waasen-Steffel.

Jetzt begann die schwere Arbeit der Zähmung, mit der der Kastellan seine Haiducken betraute. Am Anfang war es ihre Hauptsorge, den Steffel Tag und Nacht zu behüten, dass er nicht irgendwo hinlief, wenn er dazu Lust verspürte. Wenn er konnte, sprang er in den Schlossteich, und es gelang ihnen nur mit großer Anstrengung, ihn wieder herauszulocken. Dann mussten sie ihn an die Kleider gewöhnen, auch das war eine schwierige Angelegenheit. Mit viel Mühe und Not brachten sie ihn dazu, seine Oberkleider anzubehalten. Hut und Schuhe wies er ständig zurück. Wenn sie ihm dennoch aufgezwungen wurden, warf er sie im weiten Bogen von sich. Man gewöhnte ihn an gekochte Leckerbissen.

Als er so weit erzogen war, brachten sie den kleinen Fischjungen gar zur Schule. "Vielleicht", sagten sie ", kann ihn der Schulmeister ein bisschen zurechtbiegen".

Das war natürlich eine richtige Komödie. Die kleinen Kinder fürchteten sich vor ihm, die großen aber quälten und sekkierten ihn. Wenn sich ihm jemand in der Bank näherte und ihn anrührte, brummte er laut, zum Gaudium der Kinder. Wurde er abgesondert und in die Nähe der Türe oder des Fensters gesetzt, sprang er plötzlich wie der Blitz auf und wollte ausreißen. Von einem Lernen konnte natürlich keine Rede sein, abgesehen davon, dass er von schwacher Auffassung war. Man nahm ihn deshalb wieder aus der Schule und wollte ihn statt dessen zu Hause beschäftigen, etwa in der Küche als Küchenhilfe oder am Nachmittag als Gehilfe bei der leichten Gartenarbeit. Reden lernte er auf diese Art und Weise nicht, aber die Anordnungen seiner Vorgesetzten verstand er sehr bald.

Am liebsten hatte er die junge Tochter des Kastellans, die immer freundlich und gut zu ihm war. Sie beschenkte ihn öfters und nahm ihn manchmal auf einem Spaziergang mit. Freilich ging immer ein Haiducke mit und folgte ihren Spuren. Mit der Zeit brachte es unser Steffel so weit, dass er bei Festlichkeiten in einer schönen roten Hose und in einem grünen Dolman aufwarten durfte.

Als die Tochter des Kastellans ihre Hochzeit feierte, gab es im Schloss eine große Festlichkeit. Steffel war auch in seinem Festkleid unter dem Bedienungspersonal und sah, wie jeder Gast der schönen Braut ein Geschenk überreichte. Am Ende des Festmahls, als sich die Haiducken schon selbst versorgten, kam unser Steffel mit einem großen Topf in den Saal. Er näherte sich unbemerkt der Braut und mit einem glücklichen Lächeln leerte er den Inhalt des Topfes vor sie hin - einen Haufen lebender Frösche.

So wie sie von den anderen Geschenke erhalten hatte, wollte er ihr mit seinem Leckerbissen eine Freude bereiten. Es entstand daraufhin ein großes Durcheinander. So viel der Gäste waren, nach so vielen Richtungen liefen sie davon, ebenso sprangen die Frösche auf den Tischen umher. Steffel lächelte noch immer glückselig - aber nicht lange. Als die herbeigelaufenen Haiducken sahen, was er angerichtet hatte, zerrten sie ihn aus dem Saal, zogen ihm den grünen Dolman aus und verabreichten ihm zwölf Stockschläge, dass er, wie man zu sagen pflegt, den Himmel für eine Bassgeige hielt. Aber das war nicht alles. Sie schleppten den brüllenden Knaben in den Holzschuppen hinunter und sperrten ihn ein. Dort konnte er schreien so viel er wollte, es kümmerte sich niemand um ihn.

Inzwischen wurde die Braut abgeholt, das Seil war schon gespannt. Jeder wollte dabei sein. Im Schloss blieb keine Seele zurück, denn so ein herrschaftliches Seilspannen war selbst in Kapuvar keine alltägliche Sache.

Die Burschen des Marktes hatten ein blumengeschmücktes Seil quer über jene Straße gespannt, auf der der Wagen des jungen Paares daherkommen musste. Die Kutsche hielt an, der erste Bursche trat vor und lobte in einer wohlgesetzten Rede die vielen guten Eigenschaften der Braut. Die Burschen wollten sie erst dann entlassen, wenn sie der Bräutigam mit einer entsprechenden Anzahl von Goldstücken auslöste. Dieser erlegte zwölf goldene Marientaler, die Burschen lösten vom Seil das Blumengewinde, schmückten damit die Brautkutsche und gaben schließlich die Straße frei. Inzwischen hatte eine Zigeunergruppe zu spielen angefangen und die Hochzeitsleute fuhren weiter. Als die Haiducken und die Schlossbewohner mit großer Verspätung von dem seltenen Schauspiel heimkehrten, fiel ihnen der Steffel ein. Aber der Verschlag war leer. Steffel hatte einige Bretter gelockert und war verschwunden. Wohin? In welche Richtung? Das war nun die große Frage. Es wurde alles durchsucht, das Kastell, der Garten, die ganze Umgebung - aber vergebens. Wahrscheinlich war er in jene Richtung gelaufen, aus der er einst gekommen war.

Nach ein paar Tagen fanden die Jäger beim Königssee im Hansag die rote Hose des Steffel, aber in Stücke zerfetzt. Es konnte niemand sagen, ob er sich die Kleider selbst heruntergerissen, oder ob ihn ein wildes Tier zerfleischt hatte. Wahrscheinlich war er von den Wölfen gefressen worden, denn es wurde seither keine Spur mehr von dem verschwundenen Knaben gefunden.